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Aufbruch im Autosektor: Wie Automobilkonzerne zunehmend auf neue Technologie setzen

Für Automobilkonzerne ist die Umstellung auf neue Technologien unausweichlich. In kaum einem Bereich – vom Design bis zur Fertigung – kann auf Softwareunterstützung verzichtet werden. Der Wandel vom Fertigungs- zum Technologieunternehmen scheint daher für viele Hersteller bereits in vollem Gange zu sein. 

Die Automobilindustrie befindet sich in einer Phase des extremen Umbruchs. Zurzeit wird jedes einzelne Glied in der Wertschöpfungskette durch eine Vielzahl disruptiver Faktoren transformiert. Durch Branchenkonvergenz entsteht so ein völlig neues Mobilitätsökosystem.

Das mag dramatisch klingen, doch es häufen sich die Anzeichen: Schon heute ist es für viele Automobilkonzerne unerlässlich, aktuelle Trends wie Elektromobilität, Digitalisierung, Nachhaltigkeits- und Emissionsstandards, Konnektivität, VR und KI in ihre Arbeitsabläufe zu integrieren.

Andererseits bieten diese Entwicklungen ein enormes Innovationspotenzial: Die Umstellung auf digitale und nachhaltige Arbeitsabläufe könnte der gesamten Branche, die allein in Europa bereits 13,8 Millionen Arbeitnehmer direkt oder indirekt beschäftigt, ein bisher ungeahntes Wachstum bescheren.

 

Digitale Planungsarbeit

In einer digitalisierten Arbeitswelt erwarten Transportpersonal und Fahrgäste gleichermaßen eine reibungslose Konnektivität ihrer Fahrzeuge, wie sie es von zu Hause oder von ihrem Arbeitsplatz gewohnt sind. Smartphones, Laptops, Tablets, Smartwatches und Bordcomputer müssen entsprechend nahtlos miteinander kommunizieren können – unabhängig davon, ob es sich um Unterhaltungsangebote, smarte Bezahlsysteme, Einparkhilfen oder autonome Fahrfunktionen handelt.

Überträgt man diese Entwicklungen auf die Fertigungsebene, bedeutet das, dass digitale Komponenten Einzug in alle Produkte der Automobilindustrie halten müssen. Immerhin müssen die Fahrzeugdesigns bereits auf der Planungsebene an die Ansprüche unterschiedlicher Fahrertypen angepasst werden.

Dazu besteht die Aufgabe der Planungs- und Entwicklungsetagen darin, vermittelst neuer VR-Designtools, die immersive Visualisierung mit haptischem Feedback kombinieren, Daten zu erfassen, die ihnen präzise Auskunft darüber geben, wie nutzerfreundlich ihre Entwürfe in der Praxis letztendlich sein werden.

 

Virtuelle Handarbeit

Auf dem Treffen des Automotive Innovation Forum von Autodesk im April berichtete Alfonso Albaisa, der Senior VP und Head of Design bei Nissan, dass sein Unternehmen bereits fortschrittliche Design-Tools zur „Humanisierung virtueller Erfahrungen“ einsetze.

Unter den strengen Corona-Auflagen der vergangenen Monate hat er sich mit seinem Entwicklungsteam auf der ganzen Welt in virtuellen Designstudios zusammengesetzt, um gemeinsam an neuen Automodellen zu arbeiten. In einem VR-Umfeld konnten sie sich dabei von Fahrzeug zu Fahrzeug bewegen, hinterm Steuer Platz nehmen, die Rückspiegel und andere Komponenten verstellen sowie Änderungsvorschläge einbringen.

„Als Entwickler wollen wir neue Designs und Modelle so schnell wie möglich selbst erleben. Mit den neuen Design-Tools können wir ein Umfeld für spontane und authentische Kommunikation erstellen. Für kreative Prozesse ist das unverzichtbar“, sagt Albaisa.

Zur optimalen Nutzung dieser digitalen Möglichkeiten sind neuartige Kompetenzen erforderlich, von der Entwicklung über den Vertrieb bis hin zum Kundendienst, von der Planungs- und Entwicklungsebene bis zur Fabrikhalle.

Mit der zunehmenden Technologisierung der Branche ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Arbeitskräfte in der Automobilindustrie die richtigen Fähigkeiten entwickeln und über die aktuellen digitalen Tools verfügen. Um hochqualifizierte Fachkräfte anzuwerben und zu halten, muss alles digitalisiert werden. Nur so kann man den Anforderungen der immer mobileren und besser vernetzten Heim- und Büroumgebungen gerecht werden.

Digitale Fahrzeuge erfordern digitale Arbeitsabläufe
„Allein die Unterhaltungssysteme heutiger Fahrzeuge bestehen aus über zehn Millionen Zeilen Programmiercode“, so Hildegard Wortmann, die als Vorstandsmitglied bei Audi für den Bereich Marketing und Vertrieb zuständig ist, in ihrer Rede auf der GTC 21 von NVIDIA. „So viel Programmiercode benötigte vor nur ein paar Jahren ein gesamtes Fahrzeug.“

Allerdings passen sich die Führungskräfte traditioneller Automobilhersteller auf unterschiedliche Weise an die rasant wachsende Rolle von Software in ihren Betriebsabläufen an. Einige von ihnen holen sich etablierte Softwareanbieter ins Boot, um von der branchenübergreifenden Expertise zu profitieren und sie auf ihre eigenen Bedürfnisse bei Entwicklung, Fertigung und Montage anzuwenden. Andere hingegen entscheiden sich für eine vertikale Integration und bauen ganze Abteilungen auf, um maßgeschneiderte Programmiercodes für ihre Fahrzeuge und ihre Kundschaft zu entwickeln.

In jedem Fall ist es entscheidend, dass die Anpassung in die richtige Richtung stattfindet. Einer Studie von McKinsey zufolge haben führende Softwareunternehmen einen drei- bis sechsmal höheren Durchsatz und eine höhere Qualität als die schlechter abschneidende Konkurrenz. Somit ist der Produktivitätsunterschied deutlich größer als in der Hardwareentwicklung. Entsprechend muss die Integration von Software in ein Unternehmen auf die richtige Art und Weise passieren, um damit große Vorteile erzielen zu können.

Doch funktioniert das in einem bestehenden Automobilkonzern überhaupt so, wie es einer Wunschvorstellung aus dem Silicon Valley entspräche? Die Volkswagen AG zufolge schon – jedenfalls hat das Unternehmen vor Kurzem seine neue Software-Sparte CARIAD an den Start gebracht. Mit geplanten 10.000 Beschäftigten wird die Abteilung nach SAP das zweitgrößte Tech-Unternehmen in Deutschland sein.

 

Eine agile Automobilindustrie

Es kommt also nicht so sehr darauf an, ob Automobilkonzerne die Arbeit von Technologieunternehmen imitieren, mit etablierten Anbietern zusammenarbeiten oder ihre eigene Software entwickeln. Die eigentliche Herausforderung der Digitalisierung besteht in der Auseinandersetzung mit neuen Vorstellungen über Produktlebenszyklen.

In der Automobilherstellung sind lineare Prozesse üblich. Dabei werden Produkte schrittweise über mehrere Jahre entwickelt, bevor sie schließlich der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Bei Softwareanwendungen hingegen kann es innerhalb eines Jahres sogar zwei oder mehr Releases geben.

Ein Grund dafür liegt darin, dass technische Produkte in einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess weiterentwickelt werden. Entsprechend müssen auch Fahrzeuge und Komponenten ständig verbessert werden. Andernfalls besteht für Automobilunternehmen die Gefahr, dass sie Fahrzeuge auf den Markt bringen, die sozusagen bereits beim Verlassen des Werks alt aussehen.

All das wird natürlich starke Auswirkungen sowohl auf die Komplexität von Arbeitsabläufen haben als auch auf deren Kosten. Ein besonders eindrückliches Beispiel stellt das autonome Fahren dar, das aufmerksamen Beobachtern der Branche zufolge bereits 2030 aus dem Nischendasein in den Mainstream treten dürfte.

Dass ein menschlicher Fahrer künftig nicht mehr notwendig sein wird, mag zunächst als günstige Gelegenheit zur Vereinfachung und Optimierung des Autodesigns erscheinen. Doch die Anschaffung neuer Hard- und Software für die Automatisierung der Fahrzeuge erhöht die Kapitalkosten für den Fahrzeugbau.

In der Tech-Branche lautet eine alte Binsenweisheit, dass die Herausforderungen, die der Einsatz von Technologie mit sich bringt, oftmals nur durch die Anschaffung von noch mehr Technologie bewältigt werden können. Auf die Anforderungen durch den digitalen Wandel muss die Automobilindustrie schnell reagieren. Dabei müssen sich Investitionen in neue Technologien auf Lösungen konzentrieren, die Entwicklung, Fertigung, Beschaffung, Vertrieb und Service vereinen.

Aus anderen Branchen lässt sich die Erkenntnis gewinnen, dass man nur so die notwendigen Synergien und Effizienzen freilegen kann – auch und besonders wenn sich die Produkte und die digitalen Anforderungen seitens der Kunden stets weiterentwickeln.